Alle meine Geräte sind aus, die Batterien und meine Powerbank sind leer. Das ist doof, denn das eine Handy nutze ich für die Navigation und Aufzeichnung der Strecke, das andere zum Bilder knipsen. Die Lösung scheint das Motorrad mit seiner USB-Buchse zu sein– ich könnte dort alles aufladen. Das aber nur, wenn ich den Motor kurz, circa 30 Sekunden, laufen lasse. Da ich wirklich früh aus dem Schlafsack gerutscht bin, ist es gerade einmal sechs Uhr. Starte ich jetzt den Motor, ist Clemens garantiert wach. Aber warte– er meinte mal, er würde superleicht aufwachen, sogar der Reißverschluss meines Zeltes reiche dafür. Da ich also schon draußen bin, ist er bestimmt ohnehin wach… dann ist der Motor plötzlich gar nicht mehr so rüpelhaft, oder? Mit einem leise gesprochenen „Entschuldigung, Clemens“ drücke ich auf den Starter der Maschine. Dreißig Sekunden später, als das letzte Echo verklungen ist, höre ich Rascheln aus seinem Zelt. Wenigstens habe ich darüber nachgedacht, denke ich mir … 🙄
Das Frühstück ist wieder mal ganz gut. Es ist kalt, und unseren rund um die Hocker verteilten Müll haben wir brav eingesammelt. Unsere Zelte können wir am Nachmittag hoffentlich noch einmal zum Trocknen in die Sonne legen. Die Abfahrt verzögert sich allerdings, weil ich nun die Batterie des Motorrades leer gezogen habe. Die Rettung ist der den Hang bergabführende Weg auf dem ich herunter rolle und den Motor starten kann (2. oder 3. Gang rein, Kupplung springen lassen und schon brabbelt der Motor). Zurück zum Camp, geht es zu Fuß. Nach einigen Kilometern Fahrt gönnen wir uns einen zweiten Kaffee in einer kleinen Stadt am Rand einer malerischen Talstrecke.
„Besorgte engagierte Bürger“ (👈🏻 hier klicken)
Als wir so auf der Bank einer Bushaltestelle in der Sonne sitzen, kommt ein Passant vorbei und stellt eigentlich ganz nett die üblichen Fragen. Auch fragt er nach Erlaubnis, bevor er ein Foto von uns macht. Dann aber dreht er sich abrupt um, schickt das Bild offensichtlich irgendwohin und startet ein Telefonat. Ungefähr so, in Schnipseln verstanden: „… ja, zwei Ausländer… nein, nur die zwei, sagen sie… sie fahren Motorräder… kommt her.“
Mir kommt das komisch vor, also starte ich meinerseits ein Video von ihm. Das stört ihn gar nicht. Als er sich umdreht, posiert er sogar freundlich, setzt sich zwischen uns und möchte ein Selfie. Wir sollen unbedingt noch bleiben– es gäbe sehr leckeres Essen zum Frühstück. Unser Kaffee ist leer, und wir haben einiges an Strecke geplant. Wir gehen also zu den Motorrädern. Er stellt sich kackdreist vor meins und will, dass wir bleiben. Noch versucht er, uns mit dem leckeren Essen zu überzeugen. Irgendetwas ist hier allerdings nicht richtig. Mich entschuldigend greife ich ihn an den Schultern und schiebe ihn behutsam ein gutes Stück vom Motorrad weg. Auf dem Bock sitzend ziehe ich Helm und Handschuhe an. Der Typ wird nun immer aufdringlicher und stellt viele Fragen zu Details der Reise– typische Fragen von der Polizei. Mir reißt der Geduldsfaden, und ich konfrontiere ihn. Meine fehlenden Sprachkenntnisse kompensiere ich (leider) mit Lautstärke. Irgendwie scheint das aber gut zu sein, denn sein Verhalten wird nun auch für die anderen Passanten sichtbar bloßgestellt. Er hält sich zurück– nunmehr wieder am Telefon.
Dann kommen zwei Streifenwagen. Einer blockiert von hinten, aus dem Wagen von vorn steigen zwei Polizisten aus– sichtlich aufgeregt. So oft scheinen hier keine Ausländer während ihrer Schicht… in den letzten zehn Jahren… vorbeigekommen zu sein. Wir sollen die Stadt verlassen. Sie fahren voraus, und wir hinterher– Richtung Autobahn. Skurril und extrem nervig. Am Ende will mir diese schleimige Wanze von „besorgtem Bürger“ auch noch zum Abschied die Hand reichen! Gerade eben noch hat er mit dem Finger auf mich gezeigt, als er stolz den Beamten verkündete: Das sind die beiden, und ich habe angerufen!
Ich verkürze das hier mal. Ich will mich nicht schon wieder da hineinsteigern. Sonst würde ich bestimmt noch schreiben,
- …dass Clemens das nicht einsah und einfach auf unsere ursprüngliche Strecke abbog,
- …dass die Polizei uns dann mit Blaulicht und Sirene verfolgte und die Straße mit ihrem quer zur Fahrtrichtung stehenden Auto absperrte,
- …dass wir keine Erläuterung der Gründe bekamen, außer dem Hinweis, dass in diesem Landkreis keine Ausländer erlaubt sind und die Gründe geheim seien,
- …dass am Ende aber alles gut ging und wir nicht auf dem Revier landeten,
- …und dass wir nach ungefähr 30 Kilometern schließlich doch auf der geplanten Strecke weiterfahren konnten.
Davon schreibe ich jetzt aber nicht.
Am Nachmittag brauchen wir nach den grandiosen Kurven der Bergstraße eine Pause. Direkt am Fluss können wir das nasse Material und uns trocknen und lüften. Nach dem obligatorischen Kaffee darf ein Powernap nicht fehlen.
Später, oben an der Straße fällt mir an Clemens’ Vorderrad eine nasse Stelle auf. Ich frage noch: „Wo bist du denn durchs Wasser gefahren?“– „Nirgends“, wird sich herausstellen. Und das „Wasser“ ist Öl, und zwar in beachtlichen Mengen. Bei jeder Federbewegung des Motorrads wird es aus der Gabel gedrückt. Die Weiterfahrt ist spätestens dann in Frage zu stellen, wenn die Bremse zu viel Öl abbekommt oder das Vorderrad instabil wird. Regelmäßig muss Clemens nun mit einem alten Lappen das Öl abwischen. Wir beschließen, den weiteren Weg auf guten Straßen zurückzulegen, um die Belastung seiner Federung so gering wie möglich zu halten. Das Navi weiß Bescheid– nur die Straße nicht. Durch Baustellen geht es immer wieder auf wirklich abenteuerliche Streckenabschnitte, und die Motorräder müssen genauso wie wir kräftig arbeiten. Ein wirklich toller Nachmittag! Grandiose Strecken und atemberaubende Landschaften– mal wieder am Gelben Fluss!
Am Abend bekommt die Freude einen kleinen Dämpfer. Zum einen müssen wir im Dunkeln zum Hotel– das ist echt kein Spaß. Zum anderen schickt uns das Hotel wieder davon. Sie dürfen keine Ausländer beherbergen. Das ist Quatsch! Aber der lokale Kontakt (den der Hotelier im Telefon als Favorit gespeichert hat) beim Sicherheitsbüro– quasi der Stasi des Landes– hat es ihm so gesagt. Wir mögen bitte beim Hotel um die Ecke einchecken. Gut, dann machen wir das eben. Bei der Suche nach dem Hotel fahren wir beinahe auf das Gelände eines extra bewachten offiziellen Gebäudes.
Nach dem Flagge-Winke-Selfie gehen wir schließlich fürstlich essen! Auch hier gibt es wieder viele, viele Bilder von uns …







































Pünktlich werden wir zum Frühstück abgeholt. Ein bisschen verwirrend ist es schon– es sind keine weiteren Gäste zu sehen, und das Buffet ist riesig! Dazu läuft laute, vermutlich sehr „rote“ Musik: von zackiger Militärmusik bis hin zu schnulzigen Balladen ist in der sich wiederholenden Schleife alles dabei. Es dünkt uns– wir sind wohl in einem der örtlichen Regierung zugeordneten Hotels gelandet. Die nach und nach eintreffenden Gäste entsprechen dem Klischee auch irgendwie. Alle sind sehr nett, einer spricht uns sogar auf Englisch an.
Clemens’ Motorrad verliert immer noch Öl aus der Federgabel. Mal schauen, ob das alles im Rahmen bleibt. Die weitere Strecke führt uns wieder über etliche Kilometer durch mit einem leichten Grauschleier belegte Landschaften. Wenn man sieht, wie staubig schwarz die Mopeds sind, will ich gar nicht wissen, was die Augen so alles wegblinzeln müssen. Auch atmet man sicher eine viel zu große Portion des Drecks ein. Als die Landschaft am Straßenrand irgendwann wieder farbig wird, sind wir uns sofort einig: Diese Regionen (Shanxi und Shaanxi) kommen nicht erneut in die Reiseplanung. Der Typ und der Polizeieinsatz von gestern liegen uns noch im Magen.
Die in der bergigen Region tatsächlich vorhandenen Campingplätze haben entweder geschlossen oder liegen so dicht am Wasserlauf, dass es uns zu unsicher scheint, dort ein Zelt aufzubauen. Einige Kilometer weiter zieht ein starkes Regengebiet durch, und es ist nicht klar, in welche Richtung das Wasser abfließt. Eigentlich sind wir auf dem Weg in einen kleinen Ort, um ein Hotel zu suchen. Doch dann biegen wir spontan auf einen steil den Hang hinaufführenden Schotterweg ab– und der Hang entpuppt sich weiter oben als perfekt geeignete Fläche für ein Camp. Als Wermutstropfen könnten sich lediglich die lauten, alle 20 Minuten über die das Tal überspannende Brücke fahrenden, extrem langen Güterzüge herausstellen. Die Hoffnung, dass es in der Nacht weniger oder gar keine Züge sein werden, zerschlägt sich im 20-Minutentakt… die ganze Nacht lang. Übrigens: auf der Fläche stehen einige alte, halb zerfallene Baracken, und in die Felswände sind Tunnelöffnungen geschlagen– zugemauert und zum Teil wieder aufgebrochen. Was da wohl von innen heraus wollte …? 😱 All das stört Clemens nicht im Geringsten– er ist nur davon geschockt, dass wir wieder vergessen haben, Bier einzukaufen. Also schwingt er sich aufs Motorrad, um im nächsten Dorf Nachschub zu besorgen…😆
















Es ist noch kalt am Morgen, aber im Laufe des Tages düsen wir bei bestem Motorradwetter durch die Berge. Seit wir ohne Max unterwegs sind, essen wir leider nicht mehr so gut– er hat immer und überall mega gute Restaurants gefunden. Heute greifen wir mal so richtig daneben bei der Wahl unserer Diät.
Zum Frühstück– wenigstens ist der Kaffee gut– finden wir eine kleine Konditorei. Jetzt ist wichtig zu wissen, dass mich seit nun fast zwei Monaten Reisedauer ein Treppenwitz begleitet: Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit fantasiere ich meinen Reisebegleitern folgende Situation vor: „Boah, stell dir vor, hinter der nächsten Biegung ist ein Café, das leckere französische Buttercroissants und einen guten Espresso hat!“ Seit Tagen an Croissants denkend, kaufen wir nun in dieser Konditorei nur Blödsinn zum Frühstück. Clemens kauft ein unterarmgroßes OREO-Baguette, und ich kann an dem ebenfalls für eine Person viel zu großen Hefezopf nicht vorbeigehen (@dorotheev Bitte mal wieder einen von deinen in Hamburg! 😋).
Völlig abgefüllt mit schaumig-fluffiger Luft haben wir erst am späten Nachmittag wieder Appetit. In einem kleinen Dorf bestellen wir Jiaozi und Nudelsuppen… und warten ewig. Dann kommt das Essen– und weil wir so hungrig sind, essen wir alles auf. Das war leider gar nicht mal gut, und übers Ohr zieht sie uns mit dem Preis auch. Das ist auf dieser Reise das erste mal… Aus den Fehlern lernend, gehen wir am Abend auf Nummer sicher und kaufen für das Abendbrot ein– getreu dem Motto „Drei Bier sind auch eine Mahlzeit.“ 🍻. Die Flaschen klimpern in den Taschen 😜.
Unsere Camp liegt in der Nähe eines Flusses zwischen zwei Dörfern– weit genug entfernt, dass sich niemand von den beiden Ausländern irritiert fühlen kann.




























Wie schon die Fantastischen Vier in den 90ern auf ihrem Album Lauschangriff festgestellt haben: „…ich hab kein Interesse am Gespräch, während ich esse…“. Während des ganzen Frühstücks schwirrt die Wirtin mit ihrem Handy um uns herum– okay, sie hat wenigstens gefragt: „Ist ein Bild okay?“– und bittet uns, irgendetwas Tolles zum Essen zu sagen. Mich nervt das ein bisschen, und ich spreche einfach nur noch auf Deutsch.
Naja, fairerweise muss man sagen, dass wir unseren unbemerkten Auftritt heute Morgen beim Frühstück selbst „verbockt“ haben. In einem kleinen Dorf ist Stau– jeder muss mit jedem Fahrzeug jede Lücke füllen. Wir sind hochmotiviert und mit lautem Getöse– der Gasgriff sitzt aber auch locker– angekommen. Nichts geht mehr. Anstatt zu warten, wollen wir die Zeit mit einem Frühstück nutzen. Ein paar Meter zurück gibt es Baozi– so lecker!
Wir wenden also zwischen den Autos und drehen am Restaurant, zwischen den Leuten, die dort kleine Marktstände aufgebaut haben, noch schnell die Bikes, damit wir später in Fahrtrichtung loskönnen. LAUTER kann man wirklich nicht ankommen… Als wir losfahren, steht übrigens der Dorfsheriff mitten im Getümmel und gibt jedem einzeln Anweisungen, um den Stau aufzulösen. Auf Mitarbeit kann er allerdings kaum hoffen, denn jedes Mal, wenn er sich umdreht, rollen die eben noch sauber dirigierten Fahrzeuge wieder ein winziges Stück in die FOMO-Lücke 😆.
Irgendwie scheinen wir beide schon im „ab nach Hause“-Modus zu sein, denn Bilder gibt es vom Tag kaum. Das liegt letztlich auch daran, dass wir mit einer sonnigen Route über die an Peking grenzenden Berge gerechnet haben. Zumindest die Wettervorhersage hält leider nicht, was sie versprochen hat. Schon nach dem Abbau des Nachtlagers zieht es sich zu. Die Ausrüstung muss die letzten Stunden der Reise nass in den Packtaschen „garen“. Dann fängt es auch noch an zu regnen!
Die Bergstraßen werden stellenweise regelrecht glitschig. Am Ende schaffen wir es aber unbeschadet in die Stadt und beenden so eine schöne und aufregende Reise. Die letzten 5.000 Kilometer haben wir gemeinsam so einiges erlebt, beeindruckende Regionen bereist und viele nette Menschen kennengelernt. Immer wieder gern– Clemens und Max! Die vielen schönen Bilder und Videos von Clemens bastle ich in den nächsten Tagen in die jeweiligen Galerien. Gut zu wissen, dass dir das Knipsen so viel Spaß macht – schon jetzt ein dickes Danke dafür!
Meine Reise mit Wiebke Mitte August ist hier zusammengefasst. Für diese Tour habe ich hier die Übersicht geschrieben. Beide enthalten die Strecken als GPS-Gesamtwerk.







| On the Road | Di., 30.09. | Mi., 01.10. | Do., 02.10. | Fr., 03.10. |
|---|---|---|---|---|
| Strecke | 288 km (blau) | 433 km (gelb) | 396 km (grün) | 177 km (braun) |
| Zeit in Bewegung | 6 h 54 min | 7 h 23 min | 6 h 54 min | 3 h 17 min |
| Ø-Geschwindigkeit | 42 km/h | 59 km/h | 57 km/h | 57 km/h |
| Höhenmeter bergauf | 3863 m | 3218 m | 4321 m | 1613 |
| Höhenmeter bergab | 3991 m | 3275 m | 4667 m | 1892 |
| Höchster Punkt | 1550 m | 1539 m | 1500 m | 887 |
| Tiefster Punkt | 451 m | 563 m | 151 m | 18 |
| Höhenprofil | Höhenprofil | Höhenprofil | Höhenprofil |
Stationen in der Region
Was , wie ihr seid schon zu Hause? Also das ging jetzt plötzlich doch zu schnell. Wo sind die Bilder?
Schön war es und alles und jeder gesund und heil zurück 🍀🍾💪🏼😘
Ja, am Ende haben wir in der Tat ein wenig schneller gemacht als ursprünglich geplant. Das lag aber hauptsächlich daran, dass wir die zeitlichen Puffer für platte Reifen nicht mehr aufgebraucht haben … LOL
Zwei Bilder habe ich jetzt noch mal nachgereicht – eine Freundin hat uns auf dem Weg zur Garage schnell mal geknipst. Alle sind froh, dass alles gut gegangen ist 😊.