Wer die Wahl hat, hat die Qual – und die beiden quälen sich seit Wochen. Oder besser gesagt: sie schieben die Entscheidung einfach immer wieder „auf morgen“. So stehen selbst am Dienstag (zwei Tage später, am Donnerstag soll es los gehen) noch alle möglichen Varianten zur Wahl. Es könnte zum Surfen nach Hainan (海南) gehen, zum Wandern nach Yunnan (云南), in die Taklamakan‑Wüste (塔克拉玛干)… Mit täglichem Kater und Schlafdefizit scheint auch keine Entscheidung in greifbarer Nähe zu sein.
Einige Rahmenbedingungen grenzen die Auswahl glücklicherweise etwas ein: es stehen nur ein paar Tage zur Verfügung, idealerweise war ich dort noch nicht x‑mal, und der Wunsch war, nicht jeden Tag den ganzen Tag im Auto zu sitzen. Erstaunlicherweise machen wir am Ende genau das – und es wird MEGA 🤩!
Auswahlparadox (👈🏻klicken)
Das Phänomen, dass jemand sich selbst blockiert, weil es zu viele Auswahlmöglichkeiten gibt, nennt man im Deutschen meist das Auswahlparadox.
Quelle: Wikipedia
Wir entscheiden uns, durch die chinesische Grenzregion zu Nordkorea zu fahren. Grob lautet der Plan: Mit dem Zug nach Dandong (丹东) anreisen und dann mit dem Mietwagen nach Yanji (延吉) fahren. Auf dem Weg hoffen wir, einige Wanderungen einbauen zu können. Das absolute Highlight wird unsere Tour auf den Changbaishan (长白山). Ein alter Vulkan mit einem großen See im Krater, durch den die Grenze verläuft. Allerdings lesen wir immer wieder, dass man bei gutem Wetter um den See wandern kann – das widerspricht nun der Info, dass ein Teil des Sees zu Nordkorea gehören soll. Wir planen erst einmal nicht dort zu wandern. Einerseits wissen wir noch nicht, wie stabil das Wetter um diese Jahreszeit sein wird, und andererseits haben wir eben auch nicht so viel Zeit.
Unsere Zugfahrt ist ganz lustig, und bei unserer Ankunft sind wir schon ein wenig verblüfft, wie nah das andere Land am anderen Ufer des Flusses liegt. Allerdings scheinen Gebäude, Landwirtschaft und Industrie, die wir erblicken können, wie Kulissen auszusehen. Es fahren auch Aussichtsboote über den Fluss – sogar recht weit rüber. Es wurde uns erzählt, dass – anstatt wie sonst üblich – die Grenze nicht in der Mitte des Flusses verläuft, sondern der ganze Fluss in seiner Breite China zugeschrieben wird.
Wir verlassen die Stadt um in gut 30 km Entfernung einen Teil der chinesischen Mauer zu besichtigen (Hushan Great Wall-Abschnitt; wir wussten gar nicht, dass es die hier auch gibt!). Wir kommen mit zwei Schulbussen an und sind irgendwie genauso Attraktion, wie die Mauer selbst – viele Fragen müssen beantwortet und noch mehr Fotos gemacht werden. Danach fahren wir zurück nach Dandong, weil im weiteren Streckenverlauf erst einmal keine vernünftigen Unterkünfte zu finden sind.





















Wir lassen uns treiben. Die Strecke auf der Grenzstraße (G331) scheint einen großen Wandel zu vollziehen. Überall wird gebaut: Parkplätze, Raststätten und touristische Stätten. Wir finden also alle Nase lang etwas, wo wir mal anhalten und glotzen können. Skurril bleibt es allemal! Vor allem scheint es so, dass Nordkorea den Anschein einer intakten Wirtschaft und sozialen Struktur in der Grenzregion erwecken will – und China wiederum alles daran legt, dem Nachbarn auf der anderen Seite zu zeigen, wie laut, bunt und schrill ein erfolgreiches System sein kann!



















Wir haben einen veritablen Geländewagen gemietet und schauen hin und wieder auch mal abseits der Hauptstrecke, wie das alles funktioniert. Beeindruckendes Auto. Bisschen wie mein Motorrad: man mag sich wundern, warum das Fahrzeug auf Asphalt zuweilen so bockig ist… im Gelände dann wird groß aufgespielt!
Wir besichtigen heute Hügelgräber (für den größten Teil der Zeit dort dachten wir, es wären Ruinen einer Stadt … 🙄), klettern über Zäune, „spionieren“ auf die andere Seite und versuchen immer wieder mal, was Leckeres zu essen. Die Welt scheint hier in einem ganz anderen Takt zu laufen …








Flo hat während der letzten Tage immer mal wieder recherchiert, was man noch auf dem Weg alles so machen könnte. Eine schöne, historisch wertvolle Gedenkstätte scheint das vollständig aus Holz bestehende, über 1.000 Jahre alte Dorf zu sein – es sollen sogar mehrere hundert Jahre alte Holzhäuser dort stehen (UNESCO-geschützt!). Wir finden das alle sehr gut, und auch Chinesen, denen wir davon erzählen, kennen die Stätte und sagen: „Toll!!“ Ich soll wohl nur despektierlich gemurmelt haben: „Bestimmt eh alles Fake“…
Wir kommen an, und das absurde Szenario mit einem gigantischen Tor, auf dem ein noch gigantischeres Geweih thront, hätte uns ein erstes Zeichen sein können. Wir essen – zu teuer und nur mittelmäßig gut – und gehen dann hinein. Mittlerweile rieselt leicht Schnee vom Himmel (so weit zum stabilen Wetter).
Im Park dann sehen wir kein einziges altes Haus – alles auf „alt“ gemachte Neubauten. Es werden sogar immer weitere Häuser gebaut, auch einen Tempel hat man sich „ausgedacht“. Im Tempel werden nur Merchandise-Produkte verkauft. Die Jungs sind echt frustriert. Ich als erfahrener China-Touri kann aber nur beruhigen, denn sie erhalten so die wirklich echte Reiseerfahrung im China-Stil. Das muss ich vielleicht ein bisschen erklären: So oft werden minimal interessante Aspekte aufgebauscht und groß „verkauft“. Oft werden auch einfach Dinge wieder hingestellt und als historisch wertvoll dargestellt (wie hier). Im Zweifel fahren Wiebke und ich oftmals einfach weiter, als uns von diesen Kulissen zu einem Stopp verleiten zu lassen. Insofern ist der heutige Tag hier ein guter echter China-Reisetag! Die UNESCO war aber wohl länger nicht mehr hier…
































Heute ist es soweit – wir wollen auf den Changbaishan (长白山)! Ich habe den beiden schon in Peking weitere sehr warme Klamotten mitgegeben, und heute werden wir sie brauchen. Auf dem Berg in über 2.700 Metern Höhe weht ein starker Wind, und die gefühlte Temperatur soll bei minus 27 Grad Celsius liegen!!! Außerdem scheint eine Wolkendecke aufzuziehen. Deswegen fahren wir sehr früh los. Vielleicht haben wir mit dem Wetter bis 11 Uhr Glück.
Ich bin schon total früh mit dem Sonnenaufgang aus dem Bett gefallen und hab Bock auf einen Espresso – in der Hotellobby gibt es eine Maschine. Die beiden schlafen noch tief und fest. Ich schleiche also auf leisen Sohlen aus dem Zimmer. Denke noch extra an die Zimmerkarte, damit ich nachher niemanden wach machen muss. Als ich zurückkomme, sind im Zimmer alle Lichter an und die Vorhänge aufgezogen! „Meine Güte, die sind aber schnell sehr hellwach“, denke ich noch so. Dann fällt mir ein, dass sobald man die Zimmerkarte aus dem Zimmer (dem Kartenhalter) entfernt, die „Hausautomatisierung“ des Zimmers auf „HALLO-Modus“ schaltet: beim Öffnen der Tür – alle Vorhänge auf und alle Lichter an… Ich bin mir bis zum Schluss nicht sicher, ob die beiden mir die Story tatsächlich glauben 😆.
Auf dem Parkplatz der Bergbahn werden wir recht schnell von einem der Mitarbeiter über die Gefahren durch das schlechte Wetter aufgeklärt – und dass deswegen die Bergbahn den ganzen Tag geschlossen sein wird. Unsere Hauptattraktion des Roadtrips fällt also erst einmal aus. Doof.
Alternativ könnten wir den Tag im Pool eines der Hotels verbringen oder einfach in der Gegend umherschauen und dann morgen noch einmal unser Glück versuchen. Für morgen sieht es allerdings nach der gleichen Wetterlage aus – und morgen müssten wir dann auf jeden Fall weiter. So spielen wir ein ganz anderes Szenario durch: Was, wenn wir heute nur „büschn‘ Quatsch“ in der Gegend machen, dann aber direkt weiterfahren – in der Annahme, dass das Wetter gleich bleibt und der Park morgen ebenfalls geschlossen ist. Ich buche unsere Flüge für 15 Euro je Ticket um, und so wird es dann gemacht. Das ergibt auch einen weiteren Tag für Peking.
Hier schauen wir uns noch die „Tigerstation“ an. Ein sehr trauriges Schauspiel! Die großen, kraftvollen Tiere sind in einem kleinen Gehege gehalten und zeigen allesamt phlegmatisches Verhalten. Verstörend für beide Tigergattungen muss es zudem sein, dass nur durch einen breiten Gang getrennt voneinander Rotwild und Tiger gehalten werden – die einen haben ständig Appetit, und die anderen ständig Angst.
Apropos Angst! Ich mache so meine Bilder dicht am Zaun, und die Tigerdame hat da überhaupt keinen Bock drauf. Fauchend, knurrend kommt sie auf den Zaun zugestoben und jagt mir einen gewaltigen Schrecken ein. Ich kann mit zittrigen Fingern erst einmal keine Kamera bedienen. Die klirrende Kälte tut ihr Übriges. Eine verheerende Tatze der ausgewachsenen Tiere würde locker mein Gesicht verdecken, und die langen, sehr scharf wirkenden Krallen vermutlich einfach den halben Kopf durchstoßen.



































Bis wir den Mietwagen vor dem Rückflug abgeben müssen, trödeln wir ein wenig durch die der Stadt nahe liegende Umgebung. Wir haben gestern einen hohen Turm gesehen. Dort wollen wir rauf! Auf dem Weg vom Parkplatz zum Turm schlendern wir durch den angrenzenden Wald und folgen neugierig einem Pfad, auf dem auch viele andere Menschen spazieren. Am Ende führt der uns einen Hügel hinauf und dort auf einen hölzernen Aussichtsturm. Toll! Der Wind weht stark – so stark, dass der ganze Turm ins Wanken gerät.
Den Mietwagen geben wir komplett im „Self-Service“ ab – das heißt, niemand da, um zu schauen. Alles per App auf dem Telefon gesteuert und mittels Bildern dokumentiert. Die Kilometer, der Füllstand des Tanks werden ebenso aus der Ferne ausgelesen, und der Wagen am Ende so abgeschlossen. Verrückt.







| On the Road | 23.10. & 24.10. | 25.10. | 26.10. | 27.10. |
|---|---|---|---|---|
| Strecke | 327 km (blau) | 218 km (gelb) | 222 km (grün) | 240 km (rot) |
| Zeit in Bewegung | 8 h 57 min | 7 h 29 min | 9 h 37 min | 9 h 59 min |
| Ø-Geschwindigkeit | 44 km/h | 29 km/h | 23 km/h | 24 km/h |
| Höhenmeter bergauf | 3.412 m | 2.136 m | 2.222 m | 1.955 m |
| Höhenmeter bergab | 3.442 m | 1.985 m | 1.860 m | 2.754 m |
| Höchster Punkt | 485 m | 505 m | 1.137 m | 1.433 m |
| Tiefster Punkt | 11 m | 176 m | 339 m | 138 m |
| Höhenprofil | Höhenprofil | Höhenprofil | Höhenprofil |
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