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Bro-Fist

Heute ist es soweit: unsere kleine Reisegruppe löst sich auf und geht weitestgehend getrennte Wege – zumindest betrifft das Max. Clemens und ich machen uns ab heute auf den „Rückweg“. Ich vermeide es tunlichst, die nächsten Tage schon so zu nennen, denn erstens macht das bei einer fast 2.500 Kilometer langen, sechstägigen Fahrt kaum Sinn, und zweitens schaltet mein Kopf dann unweigerlich in den „Na ja, wenn wir das weglassen, sind wir eher zu Hause“-Modus. Wer mitgerechnet hat, ahnt, wie straff unser Programm ist– rund 400 Kilometer am Tag, über kleine und oft nur mühsam befahrbare Bergstraßen, das ist schon eine Ansage.

Wir fahren also zeitig los. Das Wetter lädt ohnehin nicht zum längeren Verweilen ein– das Regengebiet scheint schon „einen Fuß in der Tür“ zu haben. Die Wolken hängen tief, und es wird nur sehr langsam wärmer als um die zehn Grad. Alles, was jetzt feucht oder klamm ist, bleibt es wohl auch. Irgendwann realisieren wir, dass wir mit unserer Strecke über die Berge unsere Köpfe buchstäblich in die Wolken stecken werden. Ich habe– mal wieder– alles an, was meine Taschen sinnvolles hergeben. Die Sicht verschwindet zeitweise komplett: beschlagene Brillen, nasses Visier– habe ich schon erwähnt, dass ich es absolut hasse, im Regen bzw. auf nasser Straße zu fahren?

Als wäre das nicht genug, sind die ohnehin rutschigen Bergstraßen zum Ende hin auch noch voller LKW. Wir arbeiten uns vom letzten hohen Pass an den Kolonnen vorbei ins Tal– und quasi nach der letzten Kurve merke ich ein leider bekanntes Ungleichgewicht am Vorderrad. Ein kurzer Blick am Lenker vorbei bestätigt meine Vorahnung: der Reifen ist platt!

Das Timing ist allerdings ziemlich gut. Wir haben die Kurven hinter uns (da will ich gar nicht anfangen zu spekulieren– puh), und wir stehen mitten in einem kleinen Städtchen. Hilfe und Essen sind also kein Problem. Tatsächlich weist mir ein Passant auf meine Frage hin den Weg zur nächsten Werkstatt– unkomplizierte Anfahrt, da der kleine Allzweck-Schrauber direkt auf der anderen Straßenseite ist. Ich erkläre ihm kurz mein Problem und frage, ob ich sein Werkzeug nutzen darf. Überhaupt kein Problem!

Also ist es heute soweit: ich darf mein über viele Stunden sorgsam angesammeltes YouTube-Wissen endlich in die Praxis umsetzen. Beim letzten Platten in Dunhuang hat mich ja mein Leichtbau-Werkzeug im Stich gelassen– hier funktioniert es mit „großkalibrigem“ Metall dagegen hervorragend 💪🏼! Für besondere Aufmerksamkeit sorgt meine Konstruktion aus Spanngurten zum Anheben des Vorderrads– wohl auch, weil ich beim ersten Versuch fast die kleine Mauer mit dem Zuggewicht des Mopeds einreiße…

Der Chef lässt es sich nicht nehmen, bei den letzten Handgriffen zu zeigen, wie routiniert er mit Reifen umgeht. Er hat’s einfach drauf! Angst und Bange wird mir allerdings, als er den Sitz des straff aufgepumpten Reifens auf der Felge mit einem Vorschlaghammer korrigieren will. Ein Schwung hat schon die Alufelge erwischt – ich lasse schnell Luft ab, damit der Hammereinsatz nicht mehr notwendig scheint. Wie auf dem Bau mit Vati: was nicht passt, wird passend gemacht… 😆

Insgesamt dauert der Stopp– inklusive Schlauchwechsel, „Laber-Rhabarber“ mit den Locals und einem kleinen Mittagessen– nur etwa 90 Minuten. Formel-1-Niveau, wenn man die Umstände bedenkt! Unsere 400 Kilometer schaffen wir heute allerdings nicht mehr. Für die Nacht buchen wir ein Hotel und beschließen den aufregenden Tag mit einem Getränk in einer kleinen Kneipe– dort gibt’s kleine Kätzchen!

Mir steckt der gestrige Tag noch in den Knochen. Da es früh morgens regnet, bekomme ich einen kleinen zeitlichen Aufschub zur Regeneration– in Form einer herzhaften Rindfleisch-Nudelsuppe mit zwei Hühnereiern. Danach einen leckeren Café au Lait. Als wir losfahren, hat der Regen zwar aufgehört, aber die Straßen sehen noch einigermaßen wild und schmierig aus.

Viel passiert heute nicht– vermutlich bin ich einfach total abgestumpft… denn eigentlich sind Landschaft und Streckenführung (!!) spektakulär. Jeder Urlauber würde den Tag abfeiern! Das Cruisen durch die Kurven ist so richtig schön!! Um bei der „Feier“-Metapher zu bleiben: wir spielen fröhlich auf den Instrumenten, die mit dem rechten Gasgriff bedient werden 😜.

Da wir in China sind, bleiben auch die kleinen kuriosen Momente nicht aus. Zum Beispiel, als wir für einen Kaffee zu einem Einkaufszentrum in einer kleinen Stadt fahren. Dort dröhnt brutal laute Musik, und eine Frau moderiert irgendein Event. Der gesamte Vorplatz ist mit Neuwagen vollgestellt– alle anderen müssen draußen bleiben. Wir ziehen mit den Mopeds an der Schlange vorbei, dürfen aber nicht auf dem Platz parken. Sofort kommt ein Aufpasser und gibt mir per Handzeichen zu verstehen: HIER NICHT! Er muss das so „LAUT“ zeigen, weil die Musik ohrenbetäubend ist 😜.

Am anderen Ende des Platzes stehen schließlich unsere Maschinen– und auch der nächste Wachmann. Der ist das komplette Gegenteil: superfreundlich, freut sich über unseren Besuch und will helfen. Selfies will er natürlich auch.

Und täglich grüßt das Murmeltier– wird ja oft verwendet, um eine gewisse, sich wiederholende Eintönigkeit zu beschreiben. Ich drehe das heute mal ins Positive: ein grandioser Tag folgt dem nächsten!

Wir fahren Kurve um Kurve, treffen lustige und nette– manchmal auch ein bisschen aufdringliche– Menschen, und haben unsere Portion Matsch und Schotter unter den Reifen. Heute verdient sich der Blogbeitrag auch seinen Titel: auf einem Abschnitt unserer Strecke, auf dem die Straße kaum noch vorhanden ist, drehe ich das Motorrad für ein Foto per mittlerweile bestens bekannter POWER-Wende. Zwei Jungs auf einem dieser elektrisch angetriebenen Lastendreiräder sehen das, fahren zunächst gruß- und wortlos an uns vorbei, drehen dann um, halten auf dem Rückweg neben mir– und strecken mir nacheinander die sogenannte Bro-Fist hin (laut Wiki: umgangssprachlich auch „Ghettofaust“ genannt 😆; Wiki-LINK). Ohne weitere Worte verschwinden sie wieder. Ich bin richtig stolz… 😜

Am späten Nachmittag kommen wir über einen Bergpass in eine Region mit viel Kohlebergbau und Kraftwerken. Folglich ist alles ein bisschen schwarz und grau– irgendwann wir und die Maschinen auch. Die so erhaltene Tarnung nutzen wir gleich für unser Nachtlager, hoch oben auf einem Berg.


On the RoadSa., 27.09.So., 28.09.Mo., 29.09.
Strecke 343 km (blau)365 km (gelb)334 km (grün)
Zeit in Bewegung4 h 41 min6 h 54 min6 h 35 min
Ø-Geschwindigkeit73 km/h53 km/h51 km/h
Höhenmeter bergauf3.168 m3.735 m3.717 m
Höhenmeter bergab3.955 m4.500 m4.001 m
Höchster Punkt3.372 m2.198 m1.597 m
Tiefster Punkt1.862 m1.137 m802 m
HöhenprofilHöhenprofilHöhenprofil

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